Nachbericht: Fachtag ambulante Pflege: 80 Pflegeakteure diskutieren Wandel der Versorgung

Rund 80 Expertinnen und Experten aus dem Pflegesektor haben am 05.12.2019 auf Einladung der Pflegekammer Niedersachsen auf dem Fachsymposium „Ambulant pflegt Niedersachsen – Ambulante Pflege hat Zukunft“ in Hannover über Herausforderungen in der ambulanten Versorgung und konkrete Handlungsansätze diskutiert.

In ihrem Grußwort stellte Sandra Mehmecke, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, heraus: „Aufgabe der Pflegekammer ist es, die pflegefachliche Versorgung langfristig sicherzustellen. Das kann nur gelingen, wenn ausreichend Pflegefachpersonen in der ambulanten und stationären Versorgung arbeiten wollen. Um Pflegefachpersonen zu gewinnen und zu halten, müssen die Arbeitsbedingungen stimmen. Hierzu zählt selbstverständlich auch eine angemessene Bezahlung geregelt in flächendeckend guten Tarifverträgen.“ Zur Lösung der deutlichen Versorgungsprobleme in der ambulanten Pflege müsse aus Sicht der Pflegekammer Niedersachsen umgehend eine umfassende pflegewissenschaftliche Untersuchung zu den tatsächlichen Bedarfen und Unterversorgungsproblemen durchgeführt werden. Auf dieser Grundlage könnten dann politische Entscheidungen und strukturelle Entwicklungen herbeigeführt werden. Das hohe Durchschnittsalter der Pflegefachpersonen in Niedersachsen, der Mangel an Nachwuchskräften und weiterhin pflegefachlich und strukturell schwierige Rahmenbedingungen würden die Probleme in der Langzeitpflege ansonsten weiter verschärfen.

Erika Stempfle von der Diakonie Deutschland unterstrich in ihrem Vortrag die Vorteile einer Pflegevollversicherung. Das von der Diakonie entwickelte Konzept für die Pflegeversicherung könne dabei eine zentrale Grundlage für die Lösung der Probleme darstellen. Im Mittelpunkt des Reformmodells steht die Ausrichtung der Leistungen und Versorgungsangebote am konkreten Hilfebedarf der pflegebedürftigen Menschen. Zukünftig sollten die Leistungen in der häuslichen Pflege als „Fachleistungsstunden“ weitestgehend unabhängig vom Wohnort erbracht werden. „Eine Überbürokratisierung muss dabei vermieden werden“, regte ein Veranstaltungsteilnehmer an. Das Fachleistungsstundenmodell könnte hier zu einer erheblichen Reduzierung des bürokratischen Aufwandes führen, der viele Pflegebedürftige und Pflegepersonen schon jetzt überfordert.

Prof. Dr. Andreas Büscher von der Hochschule Osnabrück betonte, dass es Anzeichen dafür gibt, dass die Versorgungssicherheit in der ambulanten Pflege in Deutschland gefährdet ist. „Kritisch ist insbesondere, dass Fragen der Personalplanung derzeit vor allem auf Basis ökonomischer Aspekte beantwortet werden“, so Büscher.

Prof. Dr. Martina Hasseler, Pflegewissenschaftlerin an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, machte deutlich: „In keinem anderen Bundesland werden so viele Pflegebedürftige von Pflegeeinrichtungen abgelehnt wie in Niedersachsen.“ Auch zeige der bundesweite Vergleich: In Niedersachsen bleiben Stellen in der Pflege am längsten unbesetzt. Es brauche zwingend neue konzeptionelle Modelle, wie z.B. das „Gemeindeschwestermodell+“, um den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Notwendig seien ein höher Grad an Autonomie, eine Entlastung des Pflegepersonals, aber auch z. B. technische Unterstützung, um die Berufsbedingungen in der ambulanten Pflege zu verbessern.

Fünf Workshops thematisierten weitere brennende Fragen der ambulanten Pflege. Neben dem Einsatz von Hilfskräften in der Behandlungspflege und den pflegefachlichen Konsequenzen, die sich hieraus ergeben, wurde auch die 2020 startende generalistische Pflegeausbildung, die die bisherigen Ausbildungen der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammenfasst, diskutiert. Weitere Schwerpunkte waren die Gewinnung von Nachwuchskräften, die Notwendigkeit von betriebswirtschaftlichen Kenntnissen für die Steuerung in Pflegediensten, das Thema Mitarbeiterführung und -bindung sowie aktuelle Entwicklungen in der ambulanten Kinderkrankenpflege. Die Diskussionsergebnisse des Fachtags fließen u.a. in die Arbeit der Ausschüsse der Pflegekammer Niedersachsen ein.

 

Im Nachgang zur Veranstaltung finden Sie hier die Präsentationen und Vorträge zum Nachlesen und zum Download:

"Konzept für eine grundlegende Pflegereform" - Erika Stempfle, Diakonie Deutschland

"Personalbedarf am Pflegebedarf orientieren – Personalfragen der ambulanten Pflege im Kontext des gesetzlichen Pflegeverständnisses" - Prof. Dr. Dr. H.C. Andreas Büscher

"Ein Tag ohne professionelle Pflege – Unter- und Fehlversorgung in der ambulanten Pflege" - Prof. Dr. habil. Martina Hasseler

"Was löst Unterversorgung bei den Mitarbeitenden im Pflegedienst aus? - ein moralisches und berufspolitisches Dilemma" - Prof. Dr. habil. Martina Hasseler

"Betriebswirtschaftliche Kennzahlen als Grundlage für die wirtschaftliche Steuerung von Pflegediensten" - Rainer Cech, Wirtschaftsprüfer PKF Fasselt Schlage Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Mitarbeitendenorientierte Tourenplanung - ein erfolgreicher Handlungsansatz zur Mitarbeitendenbindung - Stefan Taphorn, Sozialstation Nordkreis Vechta gemeinn. GmbH

Personalbedarfsberechnung ambulant - Bereich 1 - zu Folie 17 - Stefan Taphorn, Sozialstation Nordkreis Vechta gemeinn. GmbH

Personalbedarfsberechnung ambulant - Bereich 2 - zu Folie 17 - Stefan Taphorn, Sozialstation Nordkreis Vechta gemeinn. GmbH

"Nur eine gesunde Führungskraft kann gesund führen! - Gesundheitsförderliche Führung als Ressource in der täglichen Praxis" - Dr. Sabine Gregersen, Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege

"Schülerinnen und Schüler für die Pflege begeistern - Die Fachkräfteinitiative der contec GmbH" - Sina Steffen, contec GmbH

"Aktueller Stand zur Umsetzung der "Generalistik"" - Dr. Jochen Berentzen

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