PFLEGEKAMMER // Ihr seid doch gaga!

Am 19.06.18 fand im hannoverschen Veranstaltungszentrum Pavillon eine Diskussionsveranstaltung der anderen Art rund um das Thema Pflegekammer statt. Begrüßt wurden die ca. 100 Gäste von einer Klanginstallation, in der Statements von Gegnern und Befürwortern der Pflegekammer vorgelesen wurden. Sie stammten u.a. aus Facebook-Kommentaren oder Aussagen von Kandidierenden zur Kammerversammlung.

Anja Wiedermann, Leitung des Bereichs Mitgliederkommunikation in der Geschäftsstelle der Kammer, moderierte die Veranstaltung.

Von Sabine Torgler, die aus Norddeutschland stammt, im englischen Bristol arbeitet und als Registered Nurse Mitglied der britischen Pflegekammer ist, stammt der Titel zur Veranstaltung. Sie hatte in einem Film der niedersächsischen Pflegekammer Ihr Unverständnis über die Ablehnung der Pflegekammer geäußert, was sie im Pavillon bekräftigte. Autonomie und Selbstbestimmung abzulehnen sei für sie nicht nachvollziehbar. „Die Zustände auf den Stationen in Deutschland, die sind gaga!“. Im Gegensatz dazu sei die Pflegekammer in Großbritannien seit 100 Jahren etabliert. Das habe zu einem hohen gesellschaftlichen Stellenwert der Profession Pflege geführt. Auf Basis von Forschung und Wissenschaft sowie Einfluss auf die pflegerischen Studiengänge verantworte die Pflegekammer in London die Pflegequalität, was sich auch in für Deutsche unvorstellbare Personalschlüssel auswirke. Mit den anderen Berufsgruppen arbeite die britische Pflege auf Augenhöhe. Auch in Deutschland sei die Entwicklung dahin nicht mehr zu stoppen, wenngleich ein großer Nachholbedarf bestehe.

Prof. Barbara Hellige ist Krankenschwester und ist an der Hochschule Hannover mit den Schwerpunkten Professionalisierung und Theorieentwicklung in der Pflege tätig. Auf die Frage nach ihrer Vision für die berufliche Pflege in Niedersachsen bezog sie sich auf die Rede von Martin Luther King „I have a dream“. Auch sie träume von einer gerechteren Welt, in der der „weibliche Beruf“ der Pflege Mut und Stolz als „Meisterinnen der Sorge“ entwickeln und seine Attraktivität entdecken würde. Qualifikationen würden in dieser Vision Anerkennung bekommen und es würde eine Motivation zur ständigen Erweiterung und Verbreitung des Wissens geben. Der Pflegekammer als demokratisch legitimierte Standesvertretung käme dabei die Aufgabe zu, Rahmenvorgaben zu machen. Sie müsse sich in der Gesundheitspolitik als anerkannter Akteur etablieren. Hellige beleuchtete den Begriff „Professionalisierung“ von mehreren wissenschaftlichen Seiten. Historisch habe die Deutungsmacht für die Pflege bei der männlich dominierten Medizin gelegen, den Pflegenden sei „die Palme der Selbstlosigkeit“ geblieben. Ziel der Professionalisierung der Pflege sei es nun, unter dem Einfluss von Wissen, Macht und Ethik sichtbar und selbstbewusst zu werden. Es gehe um Empowerment, die „Befähigung zur Selbstermächtigung“.

In der Diskussion mit dem Publikum stellte sich heraus, dass die meisten die Idee der Kammer unterstützen. Mit den wenigen Skeptikern entstand aber eine lebhafte Diskussion. Erfragt wurden z.B. die Unterschiede zwischen Deutschland und England, die Möglichkeiten des Einflusses der Landespflegekammern auf die Bundespolitik, Fragen zur Akademisierung und das Modell des bayerischen „Pflegerings“.

Abschließend rief Anja Wiedermann dazu auf, durch die Teilnahme an der Wahl zur Kammerversammlung die Möglichkeit zur Mitgestaltung wahrzunehmen.

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