Interview mit Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung

Andreas Westerfellhaus hat den Beruf des Krankenpflegers von Grund auf erlernt. Er arbeitete auf einer Intensivstation und absolvierte die Fachweiterbildung Intensivpflege und Anästhesie. Später studierte er Pädagogik für Gesundheitsberufe und wurde Lehrer in der Krankenpflegeausbildung. Andreas Westerfellhaus war bis 2017 Präsident des Deutschen Pflegerates. 2018 wurde er zum Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung ernannt.

Herr Westerfellhaus, warum möchten gerade Sie als gelernte Pflegefachperson eine Pflegekammer haben?

Ich bin überzeugt, dass eine Weiterentwicklung der Profession Pflege nur durch eine verantwortliche, strukturierte Mitgestaltung im Sinne einer Selbstverwaltung möglich ist. Wer nicht eintritt für die Interessen seiner Profession, für sein Berufsethos und für seine eigenen Ansprüche in der Versorgung von Menschen, wer sich nicht die Plattform dafür schafft, dass er an allen maßgeblichen Veränderungen in der Gesetzgebung teilnimmt, der wird im System der vielen Gesundheitsfachberufe keine Weiterentwicklung erfahren können.

Selbstverwaltung ist Mitbestimmung und muss das ursächlichste Interesse der Pflegenden sein. Die letzten Jahrzehnte haben ja gezeigt, dass wir ein zu kritisierendes Dilemma haben. Warum geht es mit der Profession Pflege so schleppend voran? Meines Erachtens liegt das daran, dass wir zuvor keine solidarische, klare Stimme der Pflegenden in Deutschland hatten und damit keinen aus der Selbstverwaltung entstandenen, legitimierten Auftrag.

Wo sehen Sie im Hinblick auf die Pflegekammer Niedersachsen Chancen, dass die geforderten Ziele der Pflegefachpersonen auch erreicht werden?

Nur mit der Pflegekammer gelingt es auch in Niedersachsen, dass bei allen Fragen – der Berufsordnung, ethischer Regelungen, Weiterentwicklung des Berufsbilds, bei der Übernahme von Verantwortung oder eben der Veränderung gesetzlicher Rahmenbedingungen – zwingend und notwendigerweise die Profession Pflege beteiligt werden wird. Endlich bestimmen nicht andere über die Pflege, sondern sie führt über ihre aus den eigenen Reihen gewählten Vertreterinnen und Vertreter selbst Veränderungen in ihrem Sinne herbei.

Das ist ein anstrengender Prozess, der viele Jahre nicht funktioniert hat. Man muss den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Selbstverwaltung jetzt die Zeit geben, die Ziele zu erreichen. Denn eins ist doch klar: Jahrzehntelanger Stillstand ist in ein bis zwei Jahren nicht aufzuholen. Ich finde, Niedersachsen ist nun gestartet. Geben wir der Kammer die Chancen und Unterstützung, die sie braucht. Man sollte nicht von vornherein alles zerreden und kritisieren, sondern gerne kritisch, aber konstruktiv den Aufbauprozess mitgestalten.

Es ist doch beispielhaft in Deutschland, dass demokratisch gewählte Mitglieder aus der Pflege für eine Legislaturperiode die Verhandlungspartner für die Profession sind. Das heißt, ich gebe nicht Anderen, Berufsfremden einen Auftrag, sondern der Berufsgruppe. Das ist wie bei jeder Wahl, auch bei einer politischen: Ich spreche jemandem mein Vertrauen aus, ich begleite ihn dabei, ich sehe, was passiert, ich kontrolliere ihn, und bei Meinungsverschiedenheiten habe ich bei der nächsten Wahl die Möglichkeit, auch anders zu besetzen.

Was wünscht sich die Politik von der Pflege?

Viele Kolleginnen und Kolleginnen in der Bundesregierung, viele Parlamentarier haben in den letzten Jahren immer eine klare Definition vermisst, wer in der Bundesrepublik Deutschland und in den Ländern beauftragt ist, für die Profession Pflege zu sprechen. Das ist bei den Ärztekammern klar, bei der Pflege lange Zeit eben nicht. Es gibt viele Institutionen – Arbeitgeber- und Wohlfahrtsverbände, Kostenträger, Krankenkassen, private gemeinnützige Träger – die sagen, wir sprechen für die Pflege. Aber sie haben alle ein sehr individuell ausgeprägtes Interesse, aus einer ganz bestimmten Sichtweise über Pflege zu reden. Sie bringen nicht das Know-how aus der Pflege mit und schon gar nicht die Legitimation, die 1,4 Millionen auf Bundesebene und die 90.000 in Niedersachsen zu vertreten.

Das ist die Gruppe, die hier eine Kammer, einen Vorstand gewählt hat und damit ihre Vertreter für Verhandlungen und die Weiterentwicklung bestimmt. Für die Politik heißt das: Hier sind die richtigen Ansprechpartner. Das hilft uns unter anderem angesichts der zu verabschiedenden Weiterbildungsordnung, in der wir in den letzten Jahren unterschiedlichste Regelungen in den Ländern hatten, die durch Institutionen wie den Gesetzgeber selber oder etwa durch Krankenhausgesellschaften auf den Weg gebracht wurden. Doch Fragen zur Berufsordnung, zu ethischen Grundsätzen sind in Niedersachsen und den anderen Ländern nur von der Profession selbst zu bestimmen.

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